Fatigue im Fokus des Betrieblichen Gesundheitsmanagements

10. Juni 2026, Lesedauer 6 Minuten
Im Spannungsfeld zwischen Fatigue und Erschöpfung

Müdigkeit kennt jeder Mensch. Nach einem langen Arbeitstag, einer schlechten Nacht oder einer intensiven Belastungsphase ist Erschöpfung zunächst nichts Ungewöhnliches. Meist helfen Schlaf, Entspannung, Erholung oder ein freies Wochenende, um neue Energie zu gewinnen. Bei Fatigue ist das anders. Fatigue beschreibt einen Symptomkomplex, der mit einer ausgeprägten, oft überwältigenden Erschöpfung einhergeht. Diese Erschöpfung lässt sich nicht ausreichend durch übliche Erholungsstrategien wie Schlaf, Ruhe oder Entspannung lindern. Sie kann die Leistungsfähigkeit, das Wohlbefinden und langfristig auch die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und wird damit auch zu einem hochrelevanten Thema für Unternehmen.

Fatigue ist weit verbreitet
Die Ergebnisse der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA 2023) zeigen, dass Fatigue-Symptome in der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland weit verbreitet sind. Die Prävalenz lag insgesamt bei 29,7 Prozent. Das bedeutet: Knapp ein Drittel der Erwachsenen war von ausgeprägter Erschöpfung beziehungsweise Fatigue betroffen. Diese Zahlen machen deutlich, dass Fatigue nicht nur ein medizinisches oder individuelles Thema ist, sondern auch im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) stärker berücksichtigt werden sollte – insbesondere bei Fragen der Arbeitsfähigkeit, psychischen Gesundheit, Prävention und Unterstützung am Arbeitsplatz.

Zwischen Müdigkeit, Erschöpfung und klinisch relevanter Fatigue
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff „Fatigue“ häufig unscharf verwendet. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen normaler Müdigkeit, stressbedingter Erschöpfung und klinisch relevanter Fatigue. Dabei können die Auswirkungen sehr unterschiedlich sein. Manche Betroffene erleben leichte Einschränkungen im Alltag, andere sind so stark erschöpft, dass selbst grundlegende Tätigkeiten kaum oder zeitweise gar nicht mehr möglich sind. Fatigue ist daher kein einheitliches Beschwerdebild, sondern ein vielschichtiges Symptomkontinuum mit unterschiedlichen Ursachen, Verläufen und Belastungsgraden.

Ursachen und medizinische Zusammenhänge
Fatigue kann in unterschiedlichen Kontexten auftreten. Häufig zeigt sie sich als Folge- oder Begleiterscheinung chronischer Erkrankungen, etwa bei Krebs, Rheuma, Diabetes oder Herzinsuffizienz. Gerade bei Krebserkrankungen gehört Fatigue zu den häufigsten Nebenwirkungen. Hier wird die Relevanz für den Arbeitskontext besonders deutlich: In Deutschland leben schätzungsweise rund fünf Millionen Menschen mit oder nach einer Krebserkrankung. Etwa ein Drittel davon befindet sich im erwerbsfähigen Alter. Damit sind rund 1,6 bis 1,7 Millionen Menschen potenziell von Fragen der beruflichen Teilhabe, Wiedereingliederung und langfristigen Arbeitsfähigkeit betroffen – häufig auch im Zusammenhang mit krebsassoziierter Fatigue.

ME/CFS, Burnout oder Depression: Abgrenzung ist wichtig
Besondere Aufmerksamkeit hat Fatigue in den vergangenen Jahren durch Covid-19 erhalten. In diesem Zusammenhang treten die Symptome postinfektiös, also nach einer Infektion, auf und können so stark ausgeprägt sein, dass ME/CFS, das Myalgische Enzephalomyelitis/Chronische Fatigue-Syndrom, diagnostiziert wird. Fatigue kann jedoch auch nach einem Grippeinfekt auftreten – vorübergehend bestehen oder langfristig anhalten. Diagnostisch ist Fatigue anspruchsvoll. Sie gilt als Ausschlussdiagnose, und die Einschätzung der Symptomatik basiert wesentlich auf den subjektiven Angaben der Betroffenen. Hinzu kommt, dass die zugrunde liegenden Mechanismen bislang nicht ausreichend erforscht sind. Eine einheitliche Erklärung für Entstehung, Verlauf und Schweregrad von Fatigue gibt es bisher nicht. Auch Burnout kann mit massiver Erschöpfung einhergehen und Betroffene vorübergehend vollständig außer Gefecht setzen. Fachlich wird Burnout jedoch als berufsbezogenes Erschöpfungssyndrom eingeordnet und aktuell nicht als eigenständiges medizinisches Krankheitsbild anerkannt. In allen genannten Fällen kann zusätzlich eine depressive Verstimmung bis hin zu einer klinisch relevanten Depression vorliegen. Gibt es erkennbare Hinweise darauf oder sind frühere depressive Episoden bekannt, sollte dies medizinisch und therapeutisch vorrangig abgeklärt werden. Denn für Fatigue selbst gibt es derzeit keine eindeutig erfolgversprechende medikamentöse Standardtherapie.

Warum Fatigue Unternehmen betrifft
Fatigue wirkt sich nicht nur auf das Privatleben aus. Sie kann auch den Arbeitsalltag erheblich beeinflussen. Betroffen sein können unter anderem:

  • Konzentration
  • Motivation
  • Leistungsfähigkeit
  • Belastbarkeit
  • Fehlzeiten
  • soziale Teilhabe im Team
  • langfristige Arbeitsfähigkeit

Für Unternehmen bedeutet das: Erschöpfungssymptome sollten nicht erst dann wahrgenommen werden, wenn Beschäftigte bereits krankheitsbedingt ausfallen. Viel wichtiger ist es, frühzeitig präventive und unterstützende Strukturen zu schaffen. Dazu gehören eine gesundheitsförderliche Arbeitsorganisation, realistische Arbeitsbelastungen, ausreichende Regenerationsmöglichkeiten, Sensibilisierung von Führungskräften sowie niedrigschwellige Unterstützungsangebote.

Betriebliches Gesundheitsmanagement als wichtige Schnittstelle
Ein wirksames Betriebliches Gesundheitsmanagement kann eine zentrale Schnittstelle zwischen Prävention, Früherkennung und nachhaltiger Arbeitsgestaltung bilden. Dabei geht es nicht darum, Fatigue ausschließlich als individuelles Problem zu betrachten. Vielmehr sollten auch arbeitsbezogene Einflussfaktoren berücksichtigt werden, etwa:

  • dauerhafte Überlastung
  • hoher Zeitdruck
  • mangelnde Erholung
  • Schichtarbeit
  • psychische Belastungen
  • fehlende Handlungsspielräume
  • unklare Anforderungen
  • fehlende soziale Unterstützung

Fatigue wird damit zu einem zentralen Thema moderner Gesundheitsförderung. Es betrifft sowohl die Gesundheit der Beschäftigten als auch die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit von Organisationen.

Die Rolle der Selbsteinschätzung
Um hilfreiche Strukturen schaffen zu können, muss das Beschwerdebild zunächst genauer betrachtet werden: Welche Art von Erschöpfung liegt vor? Seit wann bestehen die Beschwerden? Welche Situationen verstärken sie? Welche körperlichen, psychischen oder arbeitsbezogenen Faktoren könnten eine Rolle spielen? Eine hilfreiche Orientierung kann hier die folgende Abbildung bieten. Sie zeigt das Spannungsfeld zwischen Fatigue und Erschöpfung. Obwohl beides die Leistungsfähigkeit der Betroffenen einschränken kann, sollte eine möglichst klare Abgrenzung erfolgen. Im Mittelpunkt steht die Selbsteinschätzung der Betroffenen: Wo verorte ich mich selbst? Welche Ursachen oder Einflussfaktoren könnten für meine Erschöpfung relevant sein? Dabei steht die ärztliche Abklärung an erster Stelle. Gleichzeitig verfügt die betroffene Person selbst häufig über die unmittelbarste Wahrnehmung ihrer Beschwerden, ihres Alltags und ihrer Belastungssituation.

Führungskräfte brauchen Sensibilität – aber keine Diagnoseverantwortung
Führungskräfte spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Belastungen wahrzunehmen, Gespräche zu ermöglichen und Unterstützung zugänglich zu machen. Sie sollten jedoch nicht die Aufgabe übernehmen, Symptome medizinisch einzuordnen oder Diagnosen zu stellen. Die Einordnung von Fatigue benötigt einen geschützten, fachlich begleiteten Rahmen. Neben Hausärzt:innen oder entsprechenden Fachärzt:innen – etwa aus Onkologie, Kardiologie oder Rheumatologie – kann auch ein Fatigue-Coach eine wichtige Funktion übernehmen. Ein Fatigue-Coach ist eine externe, fachlich qualifizierte Person, die Betroffene beraten, begleiten und bei der Entwicklung passender Maßnahmen unterstützen kann. Dabei kann es sowohl um persönliche Strategien des Energiemanagements als auch um betriebliche Anpassungen gehen. Als neutrale Schnittstelle zwischen individueller Situation und organisationalem Kontext kann ein Fatigue-Coach helfen, Klarheit in komplexe Belastungslagen zu bringen. Ziel ist es, gemeinsam sinnvolle Wege zu finden, die Entlastung, Stabilisierung und langfristige Arbeitsfähigkeit ermöglichen.

Kommunikation entscheidet
Besonders wichtig ist eine empathische, wertschätzende und verständnisvolle Kommunikation. Menschen mit starker Erschöpfung oder Fatigue befinden sich häufig in einer vulnerablen Situation. Sie benötigen ein Umfeld, in dem Belastungen offen angesprochen werden können – ohne Angst vor Abwertung, Stigmatisierung oder negativen Konsequenzen. Viele Betroffene leiden still. Aus Sorge, als „nicht belastbar“ oder „faul“ wahrgenommen zu werden, auf Unverständnis zu stoßen oder berufliche Nachteile zu riskieren, machen sie ihre Beschwerden häufig nicht sichtbar. Das kann dazu führen, dass Belastungen lange unerkannt bleiben und Unterstützungsmaßnahmen erst spät einsetzen. Langfristig kann sich die Problematik dadurch verschärfen: Betroffene ziehen sich zurück, kommunizieren weniger oder versuchen, ihre Erschöpfung dauerhaft zu kompensieren. Die Folgen können soziale Isolation, sinkende Leistungsfähigkeit, Präsentismus und längere krankheitsbedingte Ausfallzeiten sein. Darunter leidet nicht nur die betroffene Person selbst, sondern auch das Unternehmen – durch den Verlust von Arbeitskraft, Know-how, Teamstabilität und Produktivität.

Fazit: Fatigue braucht Aufmerksamkeit, Verständnis und Strukturen
Fatigue ist mehr als gewöhnliche Müdigkeit. Sie spielt im Alltag der Betroffenen meist eine zentrale Rolle und kann die Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Für Unternehmen bedeutet das: Fatigue sollte im Betrieblichen Gesundheitsmanagement stärker berücksichtigt werden. Entscheidend sind präventive Strukturen, sensibilisierte Führungskräfte, geschützte Gesprächsräume, fachliche Begleitung und eine Kultur, in der Belastungen frühzeitig angesprochen werden können. Wer Fatigue ernst nimmt, schützt nicht nur die Gesundheit einzelner Mitarbeitender, sondern stärkt zugleich die Resilienz, Leistungsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit der gesamten Organisation.


Wichtige Information für Betroffene: Fatigue als neuroplastisches Symptom
Liegt keine eindeutige organische Ursache für die Fatigue vor, kann es hilfreich sein, auch an ein neuroplastisches Symptomgeschehen zu denken. Gemeint ist damit, dass sich im Nervensystem infolge einer Erkrankung, traumatischer Erfahrungen oder einer langandauernden Belastung bestimmte Reaktionsmuster entwickeln können. In der Folge werden unbedenkliche Körpersignale vom Gehirn fälschlicherweise als Gefahr eingestuft. Der Körper wird zum Schutz heruntergefahren, wodurch die Symptomatik aufrechterhalten und chronifiziert werden kann.

Entscheidend ist: Die Fatigue ist real. Betroffene bilden sich ihre Erschöpfung nicht ein, sondern erleben tatsächliche körperliche und mentale Einschränkungen. Gleichzeitig können negative Gedanken, Sorgen und Ängste die Symptomatik verstärken, weil sie das Alarmsystem des Körpers zusätzlich aktivieren.

Vor diesem Hintergrund können Verfahren hilfreich sein, die auf Verarbeitung und Neubewertung bestehender Symptome ausgerichtet sind, beispielsweise EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Ziel ist es, das Nervensystem dabei zu unterstützen, Sicherheit wieder besser wahrzunehmen, Fehlalarme zu reduzieren und den Körper schrittweise aus dem Schutzmodus zu lösen. Dies kann die Selbstwirksamkeit der Betroffenen stärken und Beschwerden deutlich reduzieren – nicht selten bis hin zu einem vollständigen Abklingen der Fatigue.

Gerne unterstütze ich Sie dabei. In einem kostenfreien und unverbindlichen Telefonat können wir gemeinsam klären, ob diese Form der Unterstützung für Sie sinnvoll ist. Rufen Sie mich gerne an oder schreiben Sie mir eine E-Mail, um einen Termin für ein erstes Gespräch zu vereinbaren.